Musik & Kreditwesen

January 10, 2010Posted by Admin

 
Erst einmal vorweg etwas zur Grundsituation: Der Plattenindustrie ging es sicher schon einmal besser. Dass die Major Labels in punkto Verkaufszahlen seit Jahren mit Problemen zu kämpfen haben, ist mittlerweile schon eine Binsenweisheit. Verspätet ins Internetzeitalter gestartet und von diesem neuen Markt schlicht überfordert, versuchten sie jahrelang mit bestenfalls mäßigem Erfolg gegen illegale Urheberrechtsverletzungen per Gerichtsverfahren und saftigen Busgeldern vorzugehen. Erst ganz allmählich begreifen sie die ehemalige Gefahr als Chance und punkten selbst mit kostenpflichtigen und legalen Onlineangeboten zu nunmehr bezahlbaren Preisen. Langsam geht es wieder bergauf. Doch wohl leider nicht für alle.

„Emi kann Kredite nicht mehr bedienen“, schrieb die Financial Times Deutschland im Februar dieses Jahres und stellte im gleichen Zug die Frage, was das einstmals blühende Unternehmen in eine derart bedrohliche Lage bringen konnte. Emi hatte nicht nur die Beatles sowie die Rolling Stones unter Vertrag und verdient noch immer an diversen aufgearbeiteten Neuveröffentlichungen jener goldenen Ära, auch aktuelle Top Acts wie Robbie Williams oder der hiesige Herbert Grönemeyer und viele weitere zählen zu den gewinnträchtigen Zugpferden der letzten Jahre. Doch an Emi zeigt sich, wie gefährlich Kreditfinanzierungen und vor allem kreditfinanzierte Investitionen für ein eigentlich gesundes Unternehmen sein können.

Im Jahr 2007 stieg Terra Firma, ein privates Investmentunternehmen, mit einer Summe von insgesamt 2,4 Milliarden Pfund bei Emi ein. Viele Analysten sehen heute den Anfang vom Ende in dieser Transaktion. Denn ein Großteil der Investitionssumme musste aus Krediten bei der City Group finanziert werden und belastete fortan Emi, während die neue Unternehmensführung in einen rigiden Sparkurs einlenkte. Doch das schlimmste waren keine ausstehenden Zinsen. Die Folge war nicht allein eine fehlende Risikobereitschaft bei Neuinvestitionen, sondern man verkrachte sich auch mit namhaften Musikern, die lange Jahre bei Emi unter Vertrag standen und für satte Gewinne gesorgt hatten. Grund war die nunmehr mangelnde Betreuung seitens Emi. Dem Rotstift waren tausende Stellen zum Opfer gefallen, weshalb sich nicht zuletzt bei den Künstlern wachsender Unmut regte. Nicht Flexibilität wurde erkauft, sondern bloßer lähmender Sparzwang. Das gesamte Unternehmen geriet in Schieflage, die wichtigste Rolle dabei spielte die Schuldenlast durch Terra Firma. Normalerweise nehmen Firmen Kredite auf, um damit in ihren Augen ertragreiche Neuinvestitionen zu tätigen. Sie können so flexibler am Markt agieren und auch Krisenzeiten überbrücken, ohne eine weitere Expansion aufgeben zu müssen. So also lässt sich Wachstum kreditfinanzieren: Dem Unternehmen wird kurzfristig Geld zugeführt, dass sich langfristig selbst refinanziert – durch wachsende Gewinne eben, die für die Rückzahlung der Kredite bürgen. Im Fall Emi ist allerdings der umgekehrte Fall eingetreten. So wurde ein Unternehmen mit tiefschwarzen Zahlen nicht etwa durch neues Kapital gestärkt, sondern die kreditfinanzierte Investition zog im Grunde genommen nur Geld aus dem Unternehmen ab. Kreditfinanziert wurden nämlich keine Neuinvestitionen, sondern lediglich die Beteiligung der Investmentfirma, welche nun auf Gedeih und Verderb auf große Wachstumsraten angewiesen war.

Dieses Wachstum blieb aus, Emi konnte sich nicht am Internetmarkt in gewünschter Weise etablieren und die zur Umsatzsteigerung verordnete Sparpolitik erreichte den gegenteiligen Effekt. Gerade in einer Branche, in welcher Kreativität eine so große Rolle spielt, sollte man mit Einsparungen sehr vorsichtig sein. Das Unternehmen wurde nicht zuletzt deshalb nachhaltig destabilisiert und büßte in der Folgezeit massiv Marktanteile gegen seine größten Konkurrenten ein. Diese hielten sich trotz ebenso mäßigen Bedingungen besser, auch dank einer offeneren Investitionspolitik. Man wagte den Einstieg in die Internetvermarktung viel entschlossener und auch der neue Trend hin zu den noch immer sehr lukrativen Live-Events lässt sich nun einmal besser bedienen, wenn man Geld in die Hand nimmt und den Leuten etwas bietet. Show eben – dafür ist die Unterhaltungsindustrie ja da. Kaum jemand steht auf Top-Acts im Spargewand.

Es zeigt sich also, welch große Rolle der richtige Einsatz von Krediten in einer stark fluktuierenden Branche wie der Musikindustrie spielt. Major Label müssen ungeachtet ihrer Größe flexibel auf Entwicklungen am Markt reagieren, wollen sie nicht die letzten Kunden und Künstler vergraulen. Kredite sind ein wichtiges Instrument zur Erreichung dieser Flexibilität. Wo jedoch das Stammkapital der Unternehmen plötzlich mit Krediten belastet wird, entfaltet sich ein Zwang zu Gewinnsteigerungen, die gerade in einem so unsicheren Markt nicht zwangsläufig erfüllt werden können. Dann steigert ein Kredit nicht mehr die Flexibilität des Unternehmens, sondern wird zur einengenden Zwangsjacke, die man kaum mehr los wird.